Gastbeitrag von Dominique de Marné : Das können wir uns sparen!

Dominique de Marné

Wie wir alle von einem besseren, offeneren, normaleren Umgang mit psychischen Problemen profitieren könnten.

 

Mein Name ist Dominique de Marné. Ich bin Autorin, Bloggerin und Mental Health Advocate. Das bedeutet, dass ich mich dafür engagiere zu verändern, dass und wie wir über psychische Gesundheit reden – früher, anders, normaler, besser.

 

Ich selber habe 15 Jahre lang Erfahrungen auf dem Gebiet sammeln dürfen: Seit meiner Jugend wurde mein Leben von einer Borderline Persönlichkeitsstörung, einer Alkoholabhängigkeit und Depressionen begleitet. Nach außen hin hat niemand bemerkt, wie schlecht es mir ging und wie sehr ich am kämpfen war. Und auch ich selber wusste lange nicht, dass ich krank bin. Habe den Fehler bei mir gesucht und war fest davon überzeugt, dass ich alle meine Probleme selber in den Griff bekommen muss.

So war es dann auch eine rechte Erleichterung, als ich 2013 – nach 10 Jahren Unwissen – endlich die Diagnosen bekam. Denn diese waren ein erster Schritt Richtung Besserung. Was folgte war sowohl ambulante als auch stationäre Therapie, viel Arbeit, Zeit und Geduld – so dass ich mittlerweile stabil bin. Die Krankheiten sind teilweise noch da, aber ich sage: Früher haben sie mich kontrolliert – heute kontrolliere ich sie.

Aber ihr seid doch nur krank?

Recht schnell nach meiner Diagnose musste ich feststellen, wie absurd der Umgang unserer Gesellschaft mit dem Thema psychische Gesundheit eigentlich ist. Wie sehr die Angst vor Stigmatisierung, Ausgrenzung, Ablehnung und Vorurteilen die Betroffenen zusätzlich einschränkt.

 

Habe in der Klinik Menschen gesehen, die nicht einmal ihrem engsten Umfeld gegenüber zugeben, was "wirklich" los ist – und das einfach nicht verstanden. Ja, auch ich hatte mich lange versteckt, aber mit dem Wissen der Krankheit war für mich klar, dass ich damit genau so umgehen werde wie mit jeder anderen Krankheit. Denn für Krebs, Diabetes, eine Allergie schäme ich mich ja auch nicht. Und diese Parallele zu körperlichen Erkrankungen ist es auch, die ich nutze um den Menschen Antworten auf viele Fragen zu geben. Vor allem der Umgang mit Betroffenen, aber auch dem Thema generell. " Würde ich das jetzt auch sagen, wenn mein gegenüber ein gebrochenes Bein hätte? Wie würde ich mich verhalten, wenn es eine Allergie wäre?" Alleine sich solche Fragen zu stellen kann einem dabei helfen, mit dem Thema umzugehen.

 


Die Gastautorin Dominique de Marné fragte uns, ob sie unseren Artikel Berufsunfähigkeitsversicherung Depressionen – keine Chance auf einen Abschluß? für Ihren Blog „Traveling the Borderline“ verwenden kann. Dem haben wir gerne zugestimmt.

 

Nun haben wir festgestellt wie nah beieinander wir thematisch sind.

 

Dominique de Marnés Vision ist es, dass mehr über psychische Krankheiten gesprochen wird und mehr für die Prävention solcher Erkrankungen getan wird. Wir haben oft mit psychischen Erkrankungen beruflich zu tun, weil diese ein Problem beim Abschluss einer Berufsunfähigkeitsversicherung oder Krankenversicherung darstellen können.

 

Deshalb freuen wir uns, dass Dominique de Marné sich bereit erklärt hat, für unseren Blog einen Artikel zum Thema zu verfassen. Mehr über Dominique de Marné auf: TtB – Traveling | the | Borderline



Mehr oder weniger unterschwellig kommt bei vielen psychischen Problemen irgendwann die Schuldfrage auf. Bestärkt durch Floskeln wie "Du musst es nur wollen!", "Anderen geht es viel schlechter als Dir!" oder "Hast Du es denn schon mit Yoga probiert?" Und unbewusst übernehmen viele Betroffene diese Ansicht, an etwas "Schuld" zu sein. Dabei ist das schlichtweg falsch

Was das kostet?!

Immer wieder gibt es Studien darüber, was psychische Krankheiten uns kosten. Die Wirtschaft, den Staat, die Versicherungen. Und diese Zahlen sind hoch. Wir sprechen von 70 Milliarden, von 80 Millionen AU-Tagen und von tausenden Frühverrentungen. Dabei kosten gar nicht die Krankheiten an sich so viel Geld. Sondern dass wir so spät, zu spät erst etwas unternehmen.

Dass wir den Problemen viel zu lange Zeit lassen, uns durchschleppen, zusammenreißen – bis es nicht mehr geht, die Krankheit da und im schlimmsten Fall sogar chronisch ist. Dabei funktioniert auch hier der Vergleich zu körperlichen Krankheiten: Je früher ein Tumor entdeckt, eine Entzündung behandelt, eine Immunerkrankung erkannt wird, desto besser stehen die Chancen. Ja, mit einem kleinen Loch zum Zahnarzt zu gehen, ist sicher nicht sonderlich angenehm. 


Etwa zwei Prozent der Bevölkerung hat eine Borderline-Störung. Das ist quasi ganz Hamburg.

 

Dominique de Marné im Interview mit dem Magazin bento



Aber aus Angst vor eventuellen Schmerzen nichts zu unternehmen, zu ignorieren und zu hoffen, dass das Loch irgendwann von alleine verschwindet, kommt nur den wenigsten von uns in den Sinn. 

Anstatt früher einen Gang zurückzuschalten, sich Hilfe zu suchen, mit jemandem zu reden geben wir den Krankheiten schön viel Zeit, sich richtig tief in uns einzunisten, es sich gemütlich zu machen. Und wenn das erstmal passiert ist, dauert es natürlich länger, bis die Behandlung anschlägt. Und auch während der Zeit, in der wir am Arbeitsplatz schon mit unseren ungewünschten Begleitern kämpfen, verursacht das Kosten. Weil wir nicht so produktiv sind, weil mehr Fehler passieren.

Warum nicht mal Prävention probieren?

Viele Leute aus der Wirtschaft wissen, dass psychische Probleme sie jede Menge Geld kosten. Aber sie wissen meist nicht, wie viel sie mit einem Bruchteil dieser Ausgaben für Prävention am Ende sparen würden. Wie sehr sie das Klima in Ihrem Unternehmen verbessern könnten. Und sie wissen vor allem nicht, wie sie das Thema ansprechen sollen. Dafür wiederum gibt es Profis. Quasi Unternehmensberater, deren Fokus auf den Mitarbeitern liegt und wie man ihr Wohlbefinden verbessern und dauerhaft sichern kann.

 

Auch Versicherungen zahlen im Endeffekt viel mehr, als sie müssten. Ist das Kind erstmal in den Brunnen gefallen, das Problem eine Krankheit geworden, braucht es eine ganze Spezialmannschaft (stationäre Therapie) um es da wieder rauszuholen.

 

Hat sich das Kind aber gerade erst an den Brunnenrand gesetzt oder gerade erst das Gleichgewicht verloren, dann kann eine helfende Hand schon den Unterschied machen. 

 

Besonders am Arbeitsplatz taucht ja auch immer wieder das Thema der geringeren Belastbarkeit auf. Dazu möchte ich erstens sagen, dass es besonders häufig Menschen mit psychischen Problemen sind, die extrem belastbar sind. Weil sie sich so lange hinten anstellen, bis auch die letzte Mail noch geschrieben, der letzte Kunde besucht und das letzte Meeting durch ist.

 

Und wenn ich doch weiß, dass statistisch gesehen sowieso jeder dritte meiner Angestellten selber betroffen ist, dass ich jedes Jahr pro Mitarbeiter mehrere hundert Euro für psychische Krankheiten ausgeben, dann muss ich doch selber ein Interesse dran haben, dass es nicht zu plötzlichen Totalausfällen kommt? Sondern sorge lieber dafür, dass so etwas einfach gar nicht passiert?

 

 

Stecke einen Bruchteil des Geldes in präventive Maßnahmen, spare am Ende und meine Mitarbeiter sind nicht nur gesünder sondern auch leistungsfähiger?

Werden wir immer kränker?

Die Frage, ob wir immer kränker werden, ob unsere zunehmend schneller und komplexer werdende Welt vielleicht etwas mit der steigenden Zahl der Betroffenen und der Diagnosen zu tun hat, bekomme ich immer wieder gestellt.

 

Und auch ich kann hier letztendlich nur Vermutungen anstellen denn das sind Fragen, die gar nicht so einfach zu beantworten sind.

 

Wir können aber auf jeden Fall festhalten, dass heute schon mehr über Depressionen & Co gesprochen wird, als früher. Dass besonders Hausärzte für das Thema psychische Gesundheit sensibilisierter sind. Dass die Diagnoseinstrumente immer besser und zuverlässiger werden.

 

Aber trotzdem glaube ich, dass auch einige gesellschaftliche Entwicklungen dazu beitragen, dass wir immer schlechter darin werden, auf diesen Teil unserer Gesundheit aufzupassen. Je schneller und komplexer die Welt wird, je mehr Vergleichsmöglichkeiten ich durch die sozialen Medien bekomme, je perfekter das Bild ist, welches mir Medien und Werbung ständig vorhalten und je weniger ehemals selbstverständliche soziale Rückhalte wie Familie, Dorfgemeinschaft und Religion wegfallen, desto wichtiger wird die Fähigkeit gut für sich selbst sorgen zu können. Das steht aber leider nicht auf den Lehrplänen unserer Schulen. Sondern zum Teil veraltetes Wissen, welches mir nicht dabei weiterhilft, mich in dieser Welt zurechtzufinden und welches ich in wenigen Sekunden von fast jedem Ort der Welt im Internet abrufen kann.

 

In einer Welt, die uns kaum mehr Halt bietet weil alles sich so schnell verändert, ist es um so entscheidender, sein eigener Anker zu sein. Zu wissen, wie man den eigenen Akku auflädt – und nicht nur den unseres Smartphones.

Meine Vision

Aus meiner Geschichte, meinem Blog, meinem Wunsch, etwas zu verändern, ist mittlerweile nicht nur ein Buch, ein Unternehmen geworden. Um die ehemalige One-Woman-Show hat sich mittlerweile ein ganzes Team versammelt. Ich gehe in Schulen und zur Polizei und kläre auf, gebe Interviews, halte Vorträge, schreibe. Und vor allem gebe ich Mut, mache Hoffnung. Betroffene und Angehörige sehen bei mir, dass nicht alles vorbei sein muss, "nur" weil man psychisch krank ist. Immer wieder schreiben mir Menschen, die auch wegen mir damit anfangen, offener mit ihren eigenen Krankheiten umzugehen – und dann die selbe Erfahrung machen wie ich: Dass das Umfeld meistens ganz anders, viel besser reagiert, als man es sich so lange vorgestellt hat. Und wie befreiend es ist, sich nicht mehr verstecken und verstellen zu müssen, Ausreden zu finden und Lügen zu erzähle.

 

Ich träume nicht nur von einer besseren Versorgungssituation, einem offeneren Umgang, einer anderen Medienberichterstattung, mehr Präventionsangeboten, Screenings, Anlaufstellen und Events. Aber auch davon, dass wir mehr, früher, offener, besser und vor allem normaler über psychische Gesundheit sprechen. Ich habe in den letzten Jahren gesehen, wie sehr das Thema die Menschen beschäftigt. Wie viele Fragen in den Köpfen sind.

 

Und auch, wie alleine die meisten mit dem Thema gelassen werden. Und daran will ich etwas ändern.

Und so lange die Angst, keine Berufsunfähigkeitsversicherung zu bekommen, nicht verbeamtet zu werden, die Ausbildungsstelle nicht zu bekommen – so lange solche Gründe die Menschen davon abhalten, sich Hilfe zu suchen, werde ich weitermachen.

Über die Autorin

Dominique de Marné

Dominique de Marné

*1986 ist Autorin, Bloggerin (TtB – Traveling | the | Borderline) und Mental Health Advocate. Sie setzt sich hauptberuflich dafür ein zu verändern, dass und wie wir über psychische Gesundheit sprechen. Neben Aufklärungsarbeit an Schulen und bei der Polizei hält sie Vorträge, schreibt und holt das Thema auch auf Festivals und bald in Deutschlands erstem Mental Health Café in die Mitte der Gesellschaft.